Kaum eine Künstlerin hat die Ambivalenz von Liebe und Gewalt, Erotik, Sexualität und Macht, Verletzlichkeit und Widerstand so konsequent untersucht wie Renate Bertlmann. Seit den frühen 1970er Jahren entwickelt die österreichische Künstlerin ein vielschichtiges Werk, das zu den bedeutendsten Positionen der „feministischen Avantgarde“ zählt. In Fotografien, Zeichnungen, Objekten, Installationen und Performances setzt sie sich mit Sexualität und Körperlichkeit, Geschlechterrollen und -zuschreibungen, patriarchalen Machtstrukturen sowie den Möglichkeiten des Widerstands gegen Unterdrückung und Ausgrenzung von Frauen sowie denen der weiblichen Selbstbestimmung auseinander.
In ihren Arbeiten nutzt die Künstlerin Humor, Ironie und das Mittel der Übertreibung. Was auf den ersten Blick verspielt, erotisch oder sogar komisch wirkt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als präzise Analyse gesellschaftlicher Macht- und Gewaltverhältnisse. Das Lächeln weicht dem Erschrecken. So verwandelt sich etwa in der Fotoarbeit Nichts an dir das schreckte mich (1981) eine zunächst zärtlich anmutende Mutter-Kind-Szene durch die eine Art Totenmaske tragende mütterliche Figur in ein verstörendes Bild psychischer Grenzerfahrung. Wiederkehrend nutzt und inszeniert Bertlmann Objekte wie Schnuller, Kondome, Latexnippel und Skalpelle um sowohl Begehren, Sexualität und Schmerz als unmittelbare körperliche Erfahrung sichtbar zu machen als auch auf die gesellschaftlichen Zwänge zu verweisen, die diese bestimmen. Viele ihrer Werke offenbaren ihren kompromisslosen Widerstand gegen gewaltvolle, normative Strukturen erst auf den zweiten Blick. Sie verweigern eindeutige Lesarten, öffnen Assoziationsräume und lassen scheinbare Gegensätze nebeneinander bestehen: Anziehung und Abwehr, Lust und Schmerz, Fürsorge und Bedrohung. (Auszug aus dem Ausstellungstext von Dr. Katharina Koch)
Few artists have explored the ambivalent interplay of love and violence, eroticism, sexuality and power, vulnerability and resistance with the consistency of Renate Bertlmann. Since the early 1970s, the Austrian artist has developed a multifaceted body of work recognised as one of the most significant within the “Feminist Avant-Garde”.Across photography, drawing, objects, installation and performance, she examines sexuality and embodiment, gender roles and expectations, and patriarchal power structures. Her work also explores how women can resist oppression and exclusion and assert their autonomy.
Throughout her work, Bertlmann employs humour, irony and exaggeration. What initially appears playful, erotic or even comical reveals itself, on closer inspection, as a precise analysis of social relations shaped by power and violence. Smiling gives way to alarm. In the photographic work Nichts an dir das schreckte mich (1981), for instance, a mother-and-child scene that at first appears tender becomes a disturbing image of a mother pushed to her psychological limits wearing a kind of death mask. Bertlmann repeatedly employs and stages objects such as pacifiers, condoms, latex teats and scalpels to make desire, sexuality and pain palpable as immediate bodily experiences, while also exposing the social constraints that shape them. Many of her works reveal their uncompromising resistance to violent, normative structures only on closer inspection. They resist definitive readings, invite associations and allow seeming opposites to coexist: attraction and repulsion, pleasure and pain, care and threat. (Excerpt of exhibition text by Dr. Katharina Koch)