Anne-Lise Coste, Slawomir Elsner, Franziska Furter, Eleni Gkinosati, Bob Gramsma, Rachel Lumsden, Koka Ramishvili UNd Dieter Roth
Wir freuen uns, Sie in der Ausstellung Fragments of Narration zu begrüssen, in der wir Arbeiten von sieben Kunstschaffenden unseres Programms und einem Gast zeigen. Eine Bemerkung des Konzeptkünstlers Simon Starling in seiner Ausstellung im Kunst Museum Winterthur gab der Schau den Titel. Jede künstlerische Arbeit ist Teil eines grösseren Werkganzen. Um die Eigenheiten einzelner Werke zu erfassen, ist es wichtig, das Gesamtwerk der jeweiligen Kunstschaffenden zu kennen. Ausserdem beinhaltet jede Arbeit eigene Sinnbezüge und weist Fragmente einer grösseren Erzählung auf.
Bob Gramsma (*1963, lebt in Zürich) ist einer der bedeutendsten Schweizer Bildhauer. Bekannt für raumgreifende Land-Art, widmet er sich nun bewusst dem kleinen Massstab, was seiner Formensprache neue Dimension verleiht. Gramsma experimentiert stetig mit industriellen Mischungen und Beschichtungen: Dieses Mal verblüfft er mit einer hybriden Baumplastik mit Akzenten aus Polymergips. Dahinter scheint eine Neonarbeit durch eine mit Kaffeepulver versetzte Gipsfläche auf, während im Schaufenster sechs Kleinplastiken mit zum Teil Häufchen von Kreatin hängen. Durch diese organischen, körperbeeinflussenden Substanzen fügt er seiner materialbasierten Forschung eine flüchtige, konzeptuelle Ebene hinzu. Im Zentrum seiner Arbeiten stehen weiterhin relationale Lücken, in denen sich menschliche Präsenz, atmosphärische Prozesse, Erosion und Zeitlichkeit materiell einschreiben.
Das grossformatige grüne Gemälde von Eleni Gkinosati (*1990 Athen, lebt in Athen) entstand 2024 während einer Residency in St. Moritz. Die Künstlerin verarbeitet darin visuelle Eindrücke aus ihrer Umgebung, die oft nur indirekt sichtbar werden. Ausgehend von spontanen Linien und Markierungen entwickelt sich das Bild Schritt für Schritt weiter. Der Arbeitsprozess ist geprägt von einem Wechsel aus Beobachtung, Pausen und konzentrierten Arbeitsphasen. Dabei vertraut Gkinosati auf ihre Erfahrung und ihr künstlerisches Gespür, ohne einem festen Konzept zu folgen. Das Ergebnis ist eine intuitive, zugleich aber bewusst gestaltete Malerei.
Von Slawomir Elsner (*1976 Wodzislav Slaski PL, lebt in Berlin) hängt ein grossformatiges Aquarell in der Raummitte. Diese Arbeit entstand für seine bedeutende Einzelausstellung in der Staatlichen Graphischen Sammlung in München 2024. Elsner führte für diese Schau eine vertiefte Untersuchung des berühmten Bildes von Peter Paul Rubens, Rubens und Isabella Brant in der Geissblattlaube, von 1609/10 durch. In 17 Bildern zeigte er unterschiedliche Möglichkeiten der Bilddeutung und -adaption. Darunter befindet sich dieses strahlende Aquarell. In dieser Arbeit bezieht sich Elsner auf die unergründliche Farbigkeit des Karneols, eines rötlich schimmernden Halbedelsteins, den die Frau von Rubens, Isabella Brant in ihrem Armband auf dem Bild trägt. Es ist keine Überraschung, dass Elsner mit seinem ausserordentlichen Farbempfinden auf diese besonderen Farben im Bild von Rubens reagiert. Der Goldrand im Aquarell nimmt die Fassung des Halbedelsteins im Armband auf.
Ein hochgehängtes Selbstbildnis als Luftbewohner von Dieter Roth (1930-1998) ergänzt die Werkgruppe im ersten Raum. Roth stellte sich insbesondere in den frühen 1970er Jahren oft im Selbstbildnis dar, wobei die abstehenden Ohren und die Einbuchtung auf dem Kopf ein wiederkehrendes Erkennungsmerkmal sind.
Im Hauptraum empfängt die grosse rote Papierarbeit Always on my Mind von Franziska Furter (*1973, lebt in Basel) das Publikum. Furter greift oft vorgefundene visuelle Elemente ihrer unmittelbaren Umgebung auf. Dieses Werk führt ihre spielerische Auseinandersetzung mit Manga-Hintergründen fort, indem sich die Künstlerin auf standardisierte Explosionsdarstellungen von Manga-Zeichnern stützt. Die Arbeit ist Teil einer 2023 begonnenen Serie (drei dieser Tuscharbeiten sind derzeit in der Zürcher Ausstellung «Pling! Design hören» zu sehen). Durch die weisse Aussparung in der Bildmitte entfaltet Always on my Mind eine ungeheure Sogwirkung. Gegenüber im Raum ist ein weiteres Werk Furters zu sehen – ein Objekt aus Metall und Draht, das an die ältere Serie Island anknüpft. Charakteristisch kehrt Furter nach längeren Pausen zu vertrauten Medien und Themen zurück. So entsteht ein über die Jahre fragmentiertes, aber tief verwobenes Œuvre. Im Showroom präsentieren wir zudem Flow, eine neue Serie von Zeichnungen, die aus Furters Faszination für das Element Wasser und der Inspiration durch Augusto Giacomettis Gemälde Bergbach im Bündner Kunstmuseum in Chur hervorgegangen ist.
Rachel Lumsden (*1968 Newcastle-upon-Tyne UK, lebt in Schaan FL) ist eine figurativ arbeitende Künstlerin, ausgebildet an den Royal Academy Schools in London. Die englische Tradition der figurativen Malerei ist für sie zentral. Sie greift auf ihr reiches Bildarchiv zurück, lässt aber auch spontane Eingebungen im malerischen Prozess zu. Ausgangspunkt ihrer Arbeit ist die Wahl des Motivs, welches das Bildformat bestimmt. Danach lässt sie sich durch den malerischen Prozess leiten. Dabei ist die Zusammenstellung von Farben und das Setzen dezidierter Pinselstriche wegweisend. Sie beschreibt es so: «Mein kreativer Prozess beginnt mit dem Sehen, dem Wahrnehmen von Dingen, Objekten und Mustern in der Welt um mich herum. Das Thema ist für mich weniger eine strategische Entscheidung als vielmehr eine Frage der Resonanz.»
Der georgisch-schweizerische Künstler Koka Ramishvili (*1956 Tiflis GE, lebt in Genf) beschäftigt sich neben Fotografie und Installation neuerdings stärker mit Ölmalerei. In einer Folge von Ölbildern, die zum Teil ohne Pinsel entstehen – lediglich durch das Verteilen der Farbe auf dem Malgrund mittels Stoffelementen –, gibt er verwunschene Landschaften wieder. Ende 2025 zeigten wir seine Einzelausstellung Coordinates. Dabei beschrieb Ramishvili, wie seine Werke zu Koordinaten in der Welt werden: Markierungen von Licht und Ambiance, von denen man sich leiten und berühren lassen kann. Diese beiden neueren Arbeiten lassen sich als Landschaften auf ebendieser Landkarte verstehen.
Von Anne-Lise Coste (*1973 Marignane FR, lebt in Paris) ist eine Türe zu sehen, auf die sie schwarze Herzen und schwungvolle L-Buchstaben gesprayt hat, die mit dem mittleren Anfangsbuchstaben ihres Namens korrespondieren. L O V E steht einmal geschrieben und Aerosol lässt sich erahnen. Ihr Œuvre lässt sich ohne die omnipräsenten Elemente von Text und Schrift kaum erfassen. Ebenso charakteristisch ist ihr Drang, jenseits der Leinwand auf alternative Materialien wie ausrangierte Türen zurückzugreifen. Im Zwischengang hängt die auf der Handschrift der Künstlerin beruhende Neonarbeit Poème, die in den Schauraum überleitet. Während diese Arbeiten Teil älterer Werkzyklen sind, präsentieren wir im Schauraum mit Fly Fly eine Serie von 2025. In diesen Arbeiten geht Coste introspektiv vor: Sie lässt viel Luft auf dem Papier, bringt nur wenige, gezielte Elemente ins Spiel und überlässt es dem Publikum, die Szenerie vor dem inneren Auge zu vervollständigen.
Die Ausstellung verdeutlicht, dass jedes Kunstwerk in unterschiedlicher Form Fragmente der Erzählung beinhaltet. Es gilt diese zu entdecken und durch die Imagination zu ergänzen.