Wir freuen uns sehr, die zweite Einzelausstellung von Valentina Pini in unserer Galerie zu präsentieren. Die in Zürich lebende Künstlerin aus dem Tessin hat 2025 mit zwei bedeutenden Projekten auf sich aufmerksam gemacht. Die Videoarbeit Arco Voltaico entstand für die Ausstellung ArteSOAZZA und wurde danach an den Zürcher Kunststipendien im Helmhaus in Zürich gezeigt und ausgezeichnet. Das Video hält die alljährliche Revision der Zentrale der Misoxer Wasserkraftwerke im Berginnern oberhalb von Soazza fest und fasziniert durch die rhythmische Genauigkeit der Filmsequenzen und die Schärfe der Aufnahmen. In ihrer Einzelausstellung Calibrando l’occhio im Museo Vincenzo Vela in Ligornetto entfaltete Pini mit Video, Skulpturen und Fotografien ihren Formenschatz und entführte das Publikum in ihren fantastischen, alchemistischen Bilderkosmos. Das Auge kalibrieren, sich auf das Unerwartete, auch Unheimliche einlassen, Neues andeuten und dies bildlich festhalten, das beschreibt die Kunst von Pini sehr gut.
Auch wenn sich Pini virtuos in verschiedenen Medien bewegt, ist die Bildhauerei, die sie am Royal College of Art in London studierte, ihr wichtigstes Medium. Videoarbeiten und Fotografie flankieren dabei ihre skulpturalen Arbeiten und rücken sie in ein anderes Licht. Einerseits ist die Kunst von Pini inspiriert von Alchemie, von Fragen nach Materialien und Substanzen, den Transformationen, die diese vollziehen können und den ihnen zugrundeliegenden physikalischen Gesetzmässigkeiten. Andererseits ist ihre Praxis, ihre Verwendung von Materialien, immer angereichert mit narrativen Elementen.
In der Galerieausstellung Décorps konzentriert sich Pini auf die Medien Skulptur, Fotografie und Relief. Der Titel steckt das semantische Feld der Ausstellung ab: Das Kunstwort «Décorps» verweist einerseits auf Décor (Ausstattung, Verzierung, Dekor), andererseits auf Corps (den Körper). Den ersten Raum der Ausstellung bestückt Pini mit einer Serie Metallarbeiten mit eingegossenen Epoxidharzen namens Autour du cou à la hauteur des yeux. Durch die Hängung leicht über Schulterhöhe und die strenge Achsensymmetrie verweist Pini auf Schmuck- und Kostümelemente wie Kragen und Halsketten. Es handelt sich um Verzierungen, vielleicht Auszeichnungen der abwesenden Figuren, die diese Objekte tragen könnten. Das Formenvokabular ist an Jugendstil-Formen und die Glaskunst des frühen 20. Jahrhunderts angelehnt. Die durchschimmernden Farben der knapp vor der Wand hängenden Objekte verleihen ihnen eine schwebende Leichtigkeit. Ihre Platzierung erzeugt die Illusion von Körpern. Bei Pini ist der abwesende Körper stets mitgedacht und angedeutet.
Besonders wird dies in der Skulptur Amplification im zweiten Raum sichtbar. Eine Person wird lediglich durch zwei Epauletten mit Fransen gekennzeichnet, welche an zwei symmetrisch angeordneten Metallschienen befestigt sind. Durch Epauletten mit Fransen wird eine männliche Figur in eine soziale Position gehoben; weibliche Personen benutzen die Schulterstücke hauptsächlich als auffällige Modeaccessoires. Die Arbeit ist ein Reflex von Pinis Ausstellung im Künstlermuseum Vincenzo Vela in Ligornetto, Tessin. Dort hatte sie sich mit einem Hauptwerk von Vincenzo Vela, einer imposanten Reiterstatue Karls II. von Braunschweig, auseinandergesetzt und diese als Ausgangspunkt genommen, um über Symbolgehalt, Wandlungsfähigkeit, Männlichkeit und Materialität zu reflektieren.
Links von Amplification hängen drei Fotografien, die Ausschnitte von Gipsskulpturen aus dem Museo Vincenzo Vela wiedergeben. In dieser Foto-Serie Displaced Fractures richtet Pini ihre Aufmerksamkeit auf die feinen, oft übersehenen Details auf Gipsfiguren. Diese Werkgruppe bezieht sich explizit auf
Velas Skulpturen, doch bei näherer Betrachtung treten Fremdkörper zutage – Haken, Nägel oder Drahtstrukturen. Diese sind nicht nur funktionale Elemente, sondern Zeugen der Materialität, Verletzlichkeit und Konstruktion. Sie machen einerseits den handwerklichen Prozess sichtbar, werden andererseits aber auch zu Symbolen für körperliche Gebrechlichkeit und psychische Dislokation. Pini bezieht sich hierbei auf eine Tradition der modernen Bildhauerei, die den Körper nicht als Ganzes, sondern als fragmentierte und rekonstruierte Einheit begreift. Gleichzeitig kehren diese Arbeiten die Logik von Pinis Installationen um: Sie halten die Repräsentation eines Körpers fest, anstatt einen physischen Körper im Raum zu schaffen, und machen so die Fragmentierung sowie die dekorativen Aspekte des Körpers mystischer und zugleich sichtbarer.
Zwei Serien von Reliefs, an denen die Künstlerin seit Jahren arbeitet, vervollständigen die Ausstellung. Die grossformatigen Arbeiten widmen sich der Vegetation im Garten des Museo Vincenzo Vela. Die Reliefs greifen Motive der Umgebung auf, ohne sie naturalistisch zu reproduzieren, und kombinieren sie mit Objekten aus dem Archiv der Künstlerin. Pini schafft komplexe Kompositionen und baut ihre eigene Mythologie auf – sie kehrt zu Objekten wie Grapefruitstücken, Zitronen oder Drachen zurück und fügt dem Vokabular neue Erzählungen hinzu. Durch die Mischung aus gefundenen Objekten und von der Künstlerin kreierten Zutaten bleibt das Publikum im Ungewissen über Ursprung, Bedeutung und Zweck der Elemente und ist eingeladen, das Gesehene zu interpretieren.
In Anlehnung an die erste Serie führt die zweite Gruppe von Reliefs, At the Tip of the Tieback, den Dialog mit der Natur fort und verstärkt zugleich das theatralische Moment der Ausstellung. Diese Serie ist Anfang 2026 während ihrer Künstlerresidenz am Bogliasco Center in Ligurien entstanden. Während Pini erneut Vegetation aus der unmittelbaren Umgebung ihres jeweiligen Entstehungsortes – in diesem Fall den Gärten des Bogliasco Center – verwendet, bereichert sie diese Kompositionen nun um neue, erzählerische Versatzstücke: kleine Figurinen und Vorhang-Quasten. Ein wesentliches Novum ist hierbei die Einbeziehung des Rahmens als integraler Bestandteil der Werke. Dadurch wandeln sich die Reliefs zu eigenständigen Bühnenelementen, welche die im Raum angedeuteten Körper szenografisch vervollständigen.
Trotz der konzeptionellen Tiefe ist die Werkgruppe in Décorps nicht ohne Humor. Die Betrachtenden sind stets gefordert zu raten, was sie sehen und welcher Illusion sie erliegen. Valentina Pini agiert somit als Puppenspielerin, die symbolische Körper im Raum inszeniert und mit deren fragiler, aber dennoch imposanter Natur spielt, um so ein theatralisches Erlebnis zu schaffen.