Wir freuen uns sehr, Sie in der Gruppenausstellung Maison – Voyage – Paysage zu begrüssen. In dieser Schau stellen wir mit den Bildern von Anna Krammig, Rachel Lumsden und Pascal Sidler drei Positionen der figurativen Malerei in der Schweiz vor. Die Schlagworte im Titel der Ausstellung können assoziativ mit der inhaltlichen Ausrichtung und formalen Vorgehensweise der drei Kunstschaffenden in Verbindung gebracht werden.
Die figurative Malerei fristete in der Schweiz bis vor kurzem ein Schattendasein. Das konstruktiv-konkrete Erbe wog schwer: Nicht nur in Zürich, selbst in der Romandie wurde auf Neo-Geo gesetzt. In den Kunstschulen war die gegenständliche Malerei kaum der Rede wert. Als die britisch-schweizerische Künstlerin Rachel Lumsden 2001 in die Schweiz kam, stiessen ihre gegenständlichen Bildfindungen bei den tonangebenden Personen in der Kunstwelt auf völliges Unverständnis: Gegenständliche Malerei wurde nicht ernst genommen, sondern in das Feld der Hobbymalerei abgeschoben. Während der Pandemie schrieb Lumsden das Buch Ritt auf der Wildsau – Manifest für die Malerei (Igniting Penguins – A Manifesto for Painting), das 2023 erschien. Darin schreibt sie über ihre Erfahrungen als gegenständliche Malerin in der Schweiz. Der Status der gegenständlichen Malerei hat sich in der Zwischenzeit nicht nur in der Schweiz, sondern weltweit stark gewandelt. Sie ist eine der beliebtesten Kunstformen.
Anna Krammig war Meisterschülerin in der Klasse von Karin Kneffel, eine gegenständliche Malerin, die selbst bei Gerhard Richter studiert hatte. Krammig war in Deutschland nie mit Abneigung gegenüber der figurativen Malerei konfrontiert. Erst als sie an der Zürcher Hochschule der Künste einen Master machte, merkte sie, dass die gegenständliche Malerei in der Schweiz nicht aktuell war. Sie liess sich aber davon nicht beirren, sondern setzte ihre malerische, figurative Arbeit stetig fort. Krammig baut ihre filigranen Bilder Schicht für Schicht in Lasuren auf, die den einzelnen Pinselstrich verschwinden lassen. Vorlagen sind stets eigene Fotografien oder solche von Leuten, die sie kennt. Diese Vertrautheit mit den Bildquellen spiegelt sich in ihrer durchdachten, manchmal melancholischen, geheimnisvollen Malerei wider. Oft hält sie südliche Orte fest, gibt Interieurs wieder oder widmet sich Lichtspielen, die eine Faszination auf sie ausüben. In der Regel sind es keine spektakulären Bilder, sondern Stimmungen des Alltags, beiläufige Landschaften, alltägliche Möbel, Stühle, Lampen oder Fensterausblicke, die Krammig von ihren fotografischen Notizen übernimmt. Die Lichtregie, das Hell-Dunkel, der eine Dramatik innewohnt, spielt in ihrer Malerei eine wichtige Rolle und lässt an spannungsvolle Film-Stills denken. Das Gebaute, die direkte Umgebung, ist ihr ein wichtiger thematischer Bezugsort.
Rachel Lumsden schulte ihr Auge an den in London zu sehenden Bildern der figurativen Malerei, unter anderen von John Constable, William Turner, Walter Sickert und Francis Bacon. Die figurative Maltradition in England ging nie verloren, deshalb sind die Bilder in der National Gallery in London immer ein wichtiger Teil der Inspiration. Für ihre Bildfindungen greift Lumsden einerseits auf ihr eigenes reiches Bildarchiv zurück. andererseits fallen ihr spontan Eingebungen im malerischen Prozess zu. Auch kunsthistorische Referenzen finden sich in ihren Bildwelten. Ausgangspunkt ihrer Arbeit ist die Wahl des Motivs, welches das Bildformat bestimmt. Danach lässt sie sich durch den malerischen Prozess leiten. Dabei sind die Zusammenstellung von Farben und das Setzen dezidierter Pinselstriche wegweisend. Lumsden beschreibt ihre Arbeitsweise in anschaulichen Worten: «Mein kreativer Prozess beginnt mit dem Sehen, dem Wahrnehmen von Dingen, Objekten und Mustern in der Welt um mich herum. Das Thema ist für mich weniger eine strategische Entscheidung als vielmehr eine Frage der Resonanz.» Lumsden legt grossen Wert darauf, in ihren Bildern das inhaltliche und formale Gleichgewicht zu finden. «Das Motiv wird hineingemalt und vielleicht wieder herausgemalt oder geht teilweise verloren. Irgendwann im Verlauf des Malprozesses stellt sich das eigentliche Thema des Bildes ein.» Lumsden wählt oft das grosse Format für ihre Bilder, um sie immersiv zu machen. Ein fester Malgrund ist ihr wichtig, weil er ihr erlaubt, Veränderungen in der Komposition vorzunehmen, indem er dem Auftragen der Farbe etwas entgegensetzt.
Nach dem Kunststudium in Zürich und Basel von 2010 bis 2015 widmete sich Pascal Sidler unterschiedlichen malerischen Verfahren. Zunächst erforschte er in grossformatigen figurativen Ölbildern seine unmittelbare Lebensumwelt: ein Treppenhaus, eine Gruppe Fahrräder, eine Bratpfanne, eine Parkbank, Beine auf dem Sofa usw. Danach wendete er sich der Abstraktion zu, indem er Smartphone-Fotos am Computer mit einer 3-D Software in lineare und flächige Elemente zerteilte und im weiteren Arbeitsprozess vielschichtige Bilder konstruierte, die eine grosse Künstlichkeit aufweisen. Seit 2024 arbeitet Sidler an einer Werkgruppe von kleineren figurativen Ölbildern, die auf den ersten Blick vollkommen verschieden sind von seinen abstrakten Experimenten am Computer. Ein zweiter Blick aber lässt erkennen, dass die beiden Werkgruppen durchaus Ähnlichkeiten in der Herangehensweise aufweisen. Auch die gegenständlichen Bilder beinhalten eine Beiläufigkeit der Darstellung. Die Motive besitzen eine gewisse Zufälligkeit, die durch die Titel und die freie Malweise der Bilder noch verstärkt wird. Die Diskrepanz zwischen Bildgegenstand und Titel erzeugt eine irritierende, inhaltliche Leerstelle, die es zu füllen gilt. Die Titel verleihen den Bildern, meistens sind es Landschaften, eine weitere Sinnebene, die auf überraschende Weise nicht mit der Darstellung übereinstimmt.
In der vergleichenden Betrachtung der Arbeiten von Krammig, Lumsden und Sidler wird deutlich, dass die unter dem Obergriff figurative Malerei gefassten Werke sehr unterschiedlich sein können. Erst eine vertiefte Betrachtung erschliesst die bildnerische Qualität der individuellen Ausdrucksweisen und dies unabhängig von ihrer Bezeichnung.