Bildhalle

RENÉ GROEBLI

9. Oktober 1927 - 5. Mai 2026
Nachruf

Der Schweizer Fotograf René Groebli ist am 5. Mai 2026 im Alter von 98 Jahren in seiner Heimatstadt Zürich gestorben. Wir verlieren mit ihm einen innovativen, experimentierfreudigen und bis zuletzt unermüdlich schaffenden Künstler und Mensch. Sein Gesamtwerk hat die Schweizer und internationale Fotografie nachhaltig geprägt und bleibt als fester Bestandteil ihrer Geschichte präsent.

Lesen Sie hier einen ausführlicheren, von Hans-Michael Koetzle verfassten Nachruf.

VON BERUF VISIONÄR

Zum Tod des Kamerakünstlers René Groebli

Er zählt, keine Frage, zu den Grossen seines Fachs. Ihn nur als Fotografen zu bezeichnen, würde ihm jedoch nicht gerecht – René Groebli war weit mehr: ein nimmermüder Kreativer auf allen möglichen Spielplätzen der Kunst und Gestaltung. Facettenreich wäre noch das Mindeste, was man mit Blick auf sein Œvre sagen könnte. Immer wieder hat er sich vorgewagt – ein Künstler als Scout. Immer wieder hat er Neuland betreten, ohne sich dort auf Dauer einzurichten. Zeitlebens blieb René Groebli ein Tüftler und Finder, ein Fragender und Suchender, dessen bevorzugtes Revier das Studio, das Labor, die Dunkelkammer war. Letztere so etwas wie die sehr viel besser ausgestattete Version jenes Chemiekastens, mit dem ihn einst die Eltern überrascht hatten. Was blieb jenseits der Atome und Moleküle, war und ist die Neugier, die Lust am Experimentieren, die Vision als Triebfeder. Visionen lautete nicht zufällig der Titel seiner 1992 erschienenen, retrospektiven Monografie. Ihm sei es nie ums „Bilder-nehmen“ gegangen, hat er einmal gesagt, sondern stets ums „Bilder-machen“.

Die Branche liebt die klare Aufgabenverteilung. Da gibt es Bildjournalisten, Fotodesigner, Fotokünstler oder schlicht: Fotografen. Dergleichen Kategorisierungen haben René Groebli nie gekümmert. Scheinbare Gegensätze hat er miteinander versöhnt. Er hat Brücken geschlagen von der freien zur angewandten Kunst, vom autonomen Bild zum Design und vice versa. In der täglichen Praxis hat René Groebli seine Ideen als Künstler regelmässig auf seine angewandte Arbeit übertragen und umgekehrt seine vor allem technischen Erkenntnisse als Bildgestalter im Dienst der Werbung für seine Kunst genutzt. Jenseits aller ausgerufenen Stile, Richtungen und Moden ist René Groebli einen eigenen Weg gegangen. „Autorenfotografie“ nennt man dergleichen mittlerweile, ein Begriff, der freilich erst gefunden werden musste. René Groebli war Autorenfotograf „avant la lettre“. Innerhalb der Schweizer Fotografie bleibt er ein Sonderfall.

1927 in Zürich geboren, scheint sich Groebli früh für die Fotografie interessiert zu haben. Allerdings erwies sich ein Studium an der Schule für Gestaltung als wenig befriedigend. Auch die 1948 abgeschlossene Lehre als Dokumentarfilm-Kameramann war wohl kein Ticket in die Zukunft. Groebli kehrte in die Fotografie zurück, reiste im Auftrag der Agentur Black Star nach Afrika, in den Nahen Osten, hatte Bildstrecken in internationalen Magazinen wie Picture Post, Illustrated, Life, aber auch in nationalen Illustrierten wie der Schweizer Woche. Wie viele seiner fotografierenden Zeitgenossen – Werner Bischof, Ernst Scheidegger oder René Burri – erlag auch René Groebli der Idee, über die Reportagearbeit an, wie er selbst sagt, „komische Orte“ zu gelangen. Auch er hatte den einen oder anderen „Scoop“. Auf Dauer freilich konnte ihn das ständige Kofferpacken, das Anziehen von kugelsicheren Westen, die Weitergabe von Bildern, deren Verwendung sich komplett seinem Einfluss entzog, nicht zufrieden stellen. Groebli war zu sehr Autor, um sich auf Dauer in der Rolle des „rasenden Reporters“ wiederzufinden. Doch, er sei durchaus stolz gewesen „auf gewisse Pressebilder, aber mein Herzblut ist das nie gewesen.“

1953 verabschiedete sich René Groebli definitiv von der berichtenden Fotografie. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits mit einem schmalen Buch – Kür, sozusagen, parallel zur journalistischen Brotarbeit – hervorgetreten, das seinerzeit jedoch kaum Beachtung fand. 1949 war in kompletter Eigenregie Magie der Schiene erschienen, als temporeiche Hommage an das Reisen mit der Eisenbahn: ein Meilenstein der Schweizer Nachkriegsfotografie. 1954 folgte Das Auge der Liebe als weiteres Autorenbuch. Längst zählen beide zu den unverzichtbaren Titeln jeder ernstzunehmenden Fotobuchgeschichte. René Groebli hatte gezeigt, was es heisst, jenseits von Dokumentar- oder Pressefotografie eine Geschichte zu erzählen, dabei einer betont subjektiven Sicht zu folgen und das Ganze stimmig in ein gedrucktes Werk zu übersetzen. Das Problem: René Groebli war seiner Zeit entschieden voraus.

René Groeblis Entscheidung für das, was wir heute als Fotodesign bezeichnen würden, geschah einerseits vor dem Hintergrund einer – seinerzeit – aussichtslosen künstlerisch motivierten Autorenfotografie. Andererseits mit Blick auf eine sich ankündigende Farbfotografie, die sich technisch wie ästhetisch als Herausforderung, kommerziell als Zukunft präsentierte. René Groeblis Schritt in die kommerzielle Fotografie war ein Schritt in die Farbe, der ihm auch und gerade in seiner freien Fotografie neue Horizonte erschloss. Und es war ein Schritt im Sinne eines klaren Schnitts. Aus dem mässig beachteten Bildreporter und Autorenfotografen sollte „einer der meistgefragten Spezialisten der Farbfotografie“ werden.

Festzustellen, Groebli sei mit seinem Ansatz erfolgreich gewesen, ist mit Sicherheit unter-trieben. Zügig avancierte das 1955 in Zürich-Wollishofen eröffnete, bestens ausgestattete Studio zum Epizentrum angewandter Farbfotografie nicht nur in der Schweiz, wobei gute Kontakte zu führenden Werbeleuten wie Karl Gerstner oder Markus Kutter ein Übriges taten, um den Betrieb mit seinem schnell wachsenden Mitarbeiterstab auszulasten. Bis in die USA sollte sich René Groeblis innovative Gestaltungspraxis herumsprechen. Bereits 1957 widmete ihm das Popular Photography Color Annual ein zwölfseitiges Portfolio, feierte ihn als „Master of Color“ und attestierte dem gerade einmal 30-jährigen, angekommen zu sein: „in terms of mature vision and experience.“

Groebli, umgeben von einem kompetenten Team und unterstützt von seiner Ehefrau Rita (auch sie hatte an der Zürcher Kunstgewerbeschule studiert und erwies sich schnell als sensible Farbberaterin) gestaltete Anzeigen, Kalender, Broschüren, Messeauftritte oder Firmenschriften. Führende Unternehmen zählten zu seinen Kunden. Neben Hoffmann-La Roche, Geigy, Thomi & Franck oder Gugelmann schon bald auch internationale Marken. René Groeblis Wirken als Farbfotograf, seine höchst erfolgreiche Tätigkeit als Werber und Designer, aber auch seine experimentelle Energie auf dem Feld autonomer Schöpfung geschah selbstredend nicht im luftleeren Raum. So sehr er das Fotodesign der 1960er- und 70er-Jahre beeinflusst haben dürfte, so sehr dürfte ihn umgekehrt die internationale Kunst mit Op- und Pop-Art, Action Painting oder Farbfeldmalerei bestärkt haben in seinem Bemühen, das Thema Farbe neu zu denken.

1981 verabschiedete sich René Groebli von der kommerziellen Fotografie, verkaufte sein Stu-dio in Zürich-Wollishofen und zog sich nach Südfrankreich zurück, ohne sich dabei zur Ruhe zu setzen. Im Gegenteil begann für René Groebli eine Art zweites Leben in der Fotokunst. Er fing an, sein Werk zu sichten, frühe Motive neu zu printen, auszustellen und zu publizieren.

Parallel erfuhren seine beiden Bücher Magie der Schiene und Das Auge der Liebe eine bemerkenswerte Renaissance, avancierten zu von Sammlern gesuchten Fotobuch-Rarissima.

Über ein Vierteljahrhundert hatte René Groebli buchstäblich „Tag und Nacht“ für internationale Kunden gearbeitet und quasi nebenbei ein bedeutendes Kapitel in der Geschichte der Farbfotografie geschrieben. Nun fand er zurück zu sich selbst, schuf noch im hohen Alter Akte, Landschaften und Porträts von bemerkenswerter Stilsicherheit. In der Summe steht René Groebli für ein nimmermüdes Oszillieren zwischen angewandt und frei, Auftrag und Kunst, Pflicht und Kür, allerdings begünstigt durch eine Unternehmenskultur, die sich offen zeigte für überraschende Vorschläge und nicht minder verblüffende Ergebnisse. Nur so konnte René Groebli, der Werbemann, immer auch Künstler bleiben. Am 5. Mai 2026 ist René Groebli 98-jährig in seiner Geburtsstadt Zürich gestorben.

Hans-Michael Koetzle